Contest du als Kind schon singen?

Mit Wissen scheint es sich ähnlich wie mit harten Keksen zu verhalten: Ungeübten Essern muss man vor der Ausgabe entsprechende Instruktionen geben, was Kauen, Schlucken und Verdauen angeht, schon alleine um die Verletzungsgefahr zu minimieren. Gerade, wenn Bildungslücken das ordentliche Zermalmen erschweren und ein Ersticken an den all zu großen Brocken droht, müssen andere Mühlen [...]
Contest du als Kind schon singen?

Contest du als Kind schon singen?

Zeichner: Roger Schmidt
veröffentlicht am: 15. November 2008
Homepage: www.karikatur-cartoon.de


Mit Wissen scheint es sich ähnlich wie mit harten Keksen zu verhalten: Ungeübten Essern muss man vor der Ausgabe entsprechende Instruktionen geben, was Kauen, Schlucken und Verdauen angeht, schon alleine um die Verletzungsgefahr zu minimieren. Gerade, wenn Bildungslücken das ordentliche Zermalmen erschweren und ein Ersticken an den all zu großen Brocken droht, müssen andere Mühlen einsetzen, um das schroffe Korn für den an Magersucht grenzenden Bildungshunger mancher junger Erwachsener häppchenweise aufzubereiten. Bleiben wir im Bilde und demnach auch bei Keksen. Was meiner Generation die Sesamstraße und das Krümelmonster waren, scheint den heute Heranwachsenden DSDS und Supertalent. Die in der Jury sitzenden und auf der Bühne stehenden Monster hätte Muppets-Vater Frank Oz nicht besser am Reißbrett entwerfen können. Und dennoch scheinen sie alle GeIMFpft zu sein, was Ekel und Scham angesichts solchen intellektuellen FKKs angeht. IMM – Irgendwas Mit Medien, wie der Kabarettist Florian Schröder die Generation Casting nennt. Insofern fällt es uns Bildungsbegeisterten nicht immer leicht, die Jugend auf den rechten Bildungsweg zu lotsen.


Mitunter fühlt man sich an jene Kindertrickserie aus den 80er Jahren erinnert: Der Maulwurf und seine Freunde Hase, Igel und Maus. Vor allem jene Episode in der Stadt ist nicht nur aufgrund seiner Kritik an der Technokratie und kindlichen Liebe zur Natur so etwas wie eine Einladung zur programmatischen Kehrtwende erschlaffter Windkraftkämpfer und Sonnensegelgleiter. Vielmehr ist es MKK (Multikultikorrekt), weil den vier kleinen Tieren mitten auf ihrer Rolltreppen-Flucht in der vermeintlichen Zivilisation eine mit vorschriftsmäßig gebundenem und nicht geknotetem Kopftuch bekleidete Muslima entgegenfährt. Vollkommen unspektakulär, beinahe schon selbstverständlich, so dass man es erst kaum wahrnimmt. Noch viel unwahrscheinlicher erscheint indes, dass es nicht diese niedlichen Tiere sind, welche in die Stadt kommen. Nein, die Stadt kommt zu ihnen und sie legen sie nach und nach lahm-mit kindlichem Witz und viel Fantasie. Ja, es wird viel gebrüllt in diesem Zeichentrick. Viele Militärs, die Befehle schreien und laute Fahrzeuge und Fabriken, welche die vier Freunde erschrecken, für die bislang das Schlagen eines Schmetterlingflügels das Maximum an Lärmbelästigung bedeutete. Wer weiß, ob nicht auch die Teilnehmer sorglos geplanter und gewissenlos konzipierter Bildungsmaßnahmen ähnlich verschreckt sind, wenn sie das erste Mal nach langen Jahren auf Umleitungen jenseits des Bildungsweges einen schulraum betreten. In jedem Fall steht fest, dass auch sie ihn und das gesamte dahinter stehende System nach und nach zu Fall bringen, Bildungsträger quasi einstürzen lassen, weil diese sich wohl dachten, dass die Halbierung der Kopfnoten in NRW gleichzeitig ein Drosseln der Bildungsarbeit nach sich ziehe und somit weniger Substanz in die Säulen der Wissenstempel packten. Nur, wie soll man als Dozent denn nun mehr (H)Inhalte für junge Erwachsene erdenken, um Bildungsziele wie Battle-Mönch realisieren zu helfen? Eigentlich ganz einfach, wenn auch mit großen Schmerzen und Krämpfen einhergehend. Ein wenig wie die Pioniere der modernen Medizin und Immunologie, welche sich erst selbst ihre Wirkstoffe verabreichten, um die Wirkung auf andere Menschen nachvollziehen zu können. RTL scheint demnach den Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen übernommen zu haben – und das ganz ohne GEZ-Gebühren. Unverhofft trifft einen die Dreizack der privaten Körperverletzung: Dieter Bohlen, Sylvie van der Vaart und Bruce (Nachname ist ihm auf dem Laufsteg abhanden gekommen). Sie richten über jene, die sich ihnen gerne und freiwillig zum Fraße werfen, Exemplarisch sei da der Auftritt eines Bohlen-Imitators zu erwähnen. Zugegeben, er war seinem Vorbild ähnlich – wohl zu ähnlich, denn er konnte einfach nichts. Das Original erkannte dies und sagte, nur so auszusehen wie er reiche nicht. Irgendein Talent müsse man schon haben. Und sei es jenes, das Nichtskönnen durch Beschimpfungen und Entgleisungen geschickt zu kaschieren – ein wenig wie Peter Handke und Elfriede Jelinek, nur mit noch weniger Niveau, aber dafür mit einem Millionenpublikum. Dem entging wohl, dass Bruce angesichts des langweiligen Bohlen-Imitators sagte, Dieter sei eigenartig. Nun, er meinte wohl einzigartig, traf aber dennoch sehr be-Denglisch in die richtige Kerbe, Bruce-Baby! Wer weiß, ob nicht auch hier die Chemie als guter Ratgeber fungieren könnte, bedenkt man doch, dass chemische Prozesse bei Kälte verlangsamt werden und das Rampenlicht wohl warm genug ist, um die allmähliche Zersetzung des Hirns voran zu treiben. Nun ja, was soll’s: Vorhang auf, wenn Zidane so weit sind!

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